Mit dem Roten Flitzer ins Kloster

Nein – mit dem Roten Flitzer ist nicht mein elektrifizierter Chili-Flitzer gemeint, sondern ein historisches Schienenfahrzeug, welches derzeit sonntags ins Kloster Maulbronn fährt.

Der Rote Flitzer verbindet noch bis 11. September 2022 den Ballungsraum Stuttgart ohne Umstieg mit Maulbronn. Dazu gilt derzeit noch das 9-Euro-Ticket der Deutschen Bahn. Und wer das Kloster besichtigen möchte und mit der Bahn anreist, bekommt dazu noch einen Nachlass von 10% auf den Eintrittspreis. Diese Info las ich in der Tagespresse und plante ganz spontan mit dem Schwesterlein einen Sonntagsausflug.

Bei schönstem Sommerwetter reisten wir natürlich auch anhand unseres 9-Euro-Tickets mit der Bahn nach Stuttgart.

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Allerdings mussten wir am Bahnsteig dann feststellen, dass statt des Roten Flitzers der blaue Classic Courier auf uns wartete.

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Aufgrund Zugausfällen (Bahnreisenden hinlänglich bekannt!) und den damit verbundenen Umdisponierungen konnte der Rote Flitzer nicht eingesetzt werden und somit erlebten wir eine Bahnreise wie zu Zeiten der wilden 60er bis 80er Jahre. Das mondäne Interieur des Classic Couriers versprühte seinen Charme vergangener Zeiten, obwohl ich doch bei den aufwändigen Vorhangverkleidungen so manches Mal an „Bonanza“ und „Unsere kleine Farm“ dachte.

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Dann wieder ein Mix aus nostalgischen Werbe-Blechschildern und Tischdecken auf den Salontischen und nicht zu vergessen, die sehr komfortablen weich gepolsterten Sitze im 1. Klasse-Bereich, die mich an frühere Berufsschulzeiten erinnerten. Immer wenn Not an Zügen herrschte, wurden diese bequemen Abteile mit verwendet und der Schulstress konnte während der Fahrt abgebaut werden und man wurde ruhig und sanft ans Ziel befördert. Die 1. Klasse durften übrigens alle Passagiere belegen.

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In Maulbronn angekommen geht es dann bis zum Kloster ca. 800 Meter zu Fuß weiter. Das ehemalige Zisterzienserkloster gehört seit 1993 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Übrigens erschien 2013 eine 2-Euro Sondermünze Baden-Württemberg mit dem Abbild der Klosterkirche und dem Klosterbrunnen.

Als großer Besuchermagnet, und nun vor allem während der Ferien mit diesem Sonderzug und dem günstigen Zugticket, rechnete ich mit starkem Besucherandrang und reservierte somit im Vorfeld telefonisch 2 Eintrittstickets mit Führung, da ich sicherstellen wollte, dass wir auch zur auserkorenen Uhrzeit einen Platz in der Gruppe erhalten würden. Dies nur als Tipp https://www.kloster-maulbronn.de/

Das südöstliche Eingangstor aus dem 15. Jahrhundert war eher unspektakulär klein, im Gegensatz zu dem, was nach den Klostermauern sichtbar wurde. Den Torturm, gebaut in Buckelquaderbauweise und früher noch mit Zugbrücke und Pechlade ausgestattet, kann heutzutage jeder ohne jegliche Erschwernisse passieren, so auch das weibliche Geschlecht. Diesem war der Zutritt zum gesamten Areal damals verwehrt. Die Mönche sollten neben der harten Arbeit und der Frömmigkeit nicht abgelenkt werden.

Neben dem Kassenbereich steht ein Modell der Anlage. Hier wird dann ganz schnell ersichtlich, wie ausgedehnt der Fußmarsch werden würde und dass die Zeit bis zur Rückfahrt nach Stuttgart um 17.30 Uhr inklusive Mittagessen, Kaffee trinken usw. auch benötigt wird.

Auf der großflächig angelegten Hoffläche konnten wir zunächst einmal staunend ringsum schauen. So schöne alte Gebäude. Alles lag so friedlich sauber aufgeräumt im heißen Sommersonnenschein vor uns, richtig idyllisch! Die Ursprünge des Klosters gehen auf das 12. Jhd. zurück und es gilt als die am vollständigsten erhaltene mittelalterliche Klosteranlage nördlich der Alpen.

Über Jahrhunderte hinweg entstand die Klosteranlage, die verschiedenen architektonischen Stilrichtungen sind Zeitzeugen der Baukunst von der Romanik bis zur Spätgotik. Meditation und Beten gehörten zum Tagesablauf wie harte Arbeit. Zu den Idealen des Ordens zählte die Selbstversorgung. Nutz- und Kräutergärten, Weinberge und Seen zur Fischzucht sind heute noch sichtbare Zeugen der Ordensregeln.

Beim Gang über den Hof wird die Linie der ehemaligen Trennungsmauer sichtbar.

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Der vordere weltliche Bezirk war den Arbeitsmönchen, den Laien, zugeteilt, der hintere kirchliche Bezirk den betenden und meditierenden Mönchen, den Herren. Beim Eintritt ins Kloster mussten die Herren damals die lateinische Sprache in Wort und Schrift bereits beherrschen. Dies war jedoch nur bei den höhergestellten Personen und Adligen möglich, somit war die Trennung zwischen Laien und Herren klare Sache. Die Laien durften nur zu bestimmten Zeiten auf das Kirchenareal um zu bestimmten Zeiten in einem bestimmten Bereich der Kirche zu beten oder um im Laienrefektorium das Essen einzunehmen. Dieser Saal war im Vergleich zum Herrenrefektorium deutlich gedrungener. Heute finden hier Kammerkonzerte statt.

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Im Herrenrefektorium nahmen die Mönche schweigend ihr Mahl ein. Auf einer erhöhten Lesekanzel wurde von einem Mitbruder aus der Bibel vorgelesen. Die ehemalige Durchreiche zur Klosterküche sowie der Schacht für die Warmluftzufuhr sind noch vorhanden.

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Das romanische Hauptportal der Klosterkirche mit Eisenbeschlägen aus dem Jahr 1178 ist noch original erhalten und einzigartig.

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Im Langhaus des Kircheninneren fällt auf, dass hinter dem steinernen Altarkreuz, eine halbhohe romanische Arkadenwand steht und die Kreuzgewölbedecke dahinter weiter verläuft.

Hier wird ebenso für die Laien und die Herren getrennt. Die Laien standen hier zum Beten, Sitzbänke gab es keine. Der Zugang für die Herren kam vom Schlafsaal aus. Hier befindet sich dann das Chorgestühl und das Hochaltarrelief. Das Gestühl bot 92 Mönchen Platz und wir erfuhren interessante Details zum Beten und woher der heutige Ausspruch „halte deine Klappe“ kommt.

Des Weiteren ist das Brunnenhaus zu sehen mit Blick hinaus in den Kreuzgarten mit der Magnolie, dessen Blütezeit ich leider verpasst habe. Übrigens werden die Räume über den Speisesälen, den früheren Schlafsälen, dem Brunnenhaus und auch über dem Kreuzgang alle von der angegliederten Schule genutzt. Schule und Kloster bilden somit baulich eine Einheit.

Bei dieser Gelegenheit ist auch endlich einmal Zeit für ein schönes Fotomotiv.

Hinter der Klosterkirche geht die Besichtigung weiter. Die Gebäude gehören alle zum Evangelischen Seminar, ein staatliches Gymnasium ab Klasse 9 mit den Schwerpunkten alte Sprachen, Musik und Religion. Ein Internat ist mit angegliedert. 1588 ließ der Landesherr Herzog Ludwig I. von Württemberg ein Jagdschlösschen über altem Kellergewölbe errichten. Im 19. Jahrhundert war dies das Verwaltungsgebäude des Oberamts Maulbronn. Heute wird es, wie das Ephorat, vom Evangelischen Seminar genutzt.

Gegenüber des Jagdschlösschens befindet sich das ehemalige Krankenhaus des Klosters. Die Mönche gelangten von der Klausur durch einen Gang ins Gebäude. Heute wird es ebenfalls vom Evangelischen Seminar genutzt und nennt sich Ephorat. Übrigens hat die ehemalige Klosterschule spätere Berühmtheiten unterrichtet, so z. B. Johannes Kepler, Friedrich Hölderlin, Hermann Hesse u.a.

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Das ehemalige Gefängnis.

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Nebenan durch die Ruine des Pfründhauses schöner Ausblick auf die Salzach, der Kanal fließt z. T. unterirdisch durch das Klosterareal. Die hintere Ansicht der Klosterkirche.

Alles in allem haben die Schüler hier wunderschöne Aufenthaltsmöglichkeiten im Freien. Allein die schönen Gärten innerhalb des Kirchareals konnten wir gar nicht besichtigen.

In der südwestlichen Ecke im Wirtschaftshof befindet sich ein Kräutergarten, Koch- und Backhäuser und die Sicht auf den sogenannten Hexenturm.

Ihr seht, es gibt viel zu Sehen und zu Staunen. Zwischen Mittagessen, Kaffee und Kuchen bleibt bei zeitiger Anreise genügend Freiraum um sich in Ruhe umzusehen. Auch außerhalb der Klostermauern können die Weinberge und Gewässer besichtigt werden.

Gegessen haben wir übrigens, wie sollte es in Maulbronn auch anders sein, Maultaschen. Leider vergaß ich gänzlich ein Foto davon zu machen. Berichtet habe ich euch darüber bereits einmal und mit etwas Stolz darf ich auch erwähnen, dass unsere selbst hergestellten um Längen besser waren. Herrgottsbscheißerla.

Im Trippelgang ging es dann wieder zurück zum Bahnsteig. Mit Verspätung, wie sollte es auch anders sein, kam dann irgendwann unser Classic Courier. Ich fand es sehr schade, dass wir auf der Rückfahrt nicht wenigstens in den Genuss des Roten Flitzers kamen. Aber wer weiß, vielleicht berichte ich euch einmal von diesem.

Bis dahin, die Schwestern aus dem Klosterexpress

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4 Kommentare zu “Mit dem Roten Flitzer ins Kloster

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