Wohnen unterm Regenturm,

so heißt die berühmteste Wohnanlage in Plochingen am Neckar. Unübersehbar thront ein Turm mit vier goldenen Kugeln auf bunten Säulen – bereits von Weitem ist dieses Wahrzeichen der Stadt sichtbar und macht neugierig auf mehr.

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Im Zuge der Stadtkernsanierung bekamen Plochinger Architekten 1985 den Planungsauftrag für den Neubach eines Wohn- und Geschäftshauses in der Innenstadt. Dazu mussten baufällige Gebäude weichen, stattdessen sollte sich ein Ringbau um einen Innenhof an vorhandenen Straßenzügen einfügen.

Das Besondere: Die Gestaltung der Innenhoffassade mitsamt der Planung des Gartens sollte Friedensreich Hundertwasser übernehmen. Von der Idee war er leicht zu überzeugen und zu begeistern.

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Der berühmte Wiener Künstler war nicht nur Maler und Grafiker, seine philosophischen Denkansätze auch in Bezug auf natur- und menschengerechter Architektur sind heute aktueller denn je. Sein eigentlicher Name war Friedrich Stowasser, geboren 1928 in Wien, gestorben im Jahre 2000 an Bord der Queen Elizabeth 2 vor Brisbane. 1973 konnte er sich seinen Traum vom Leben erfüllen, zog in eine kleine neuseeländische Gemeinde namens Kawakawa, 200 km nördlich von Auckland und lebte ein weitesgehend sehr einfaches und autarkes Leben mit und in der Natur. Wer einmal in diese Gegend reist, sollte unbedingt die Hauptattraktion dieses kleinen Örtchens (was für ein Namensspiel!) besuchen – das öffentliche stille Örtchen – besser bekannt unter öffentlicher Toilette! Diese wurde von Hundertwasser entworfen und gestaltet und im Jahr 1999 eröffnet.

Sein Künstlername „Hundertwasser“ entstand folgendermaßen: In der slawischen Sprache bedeutet „sto“ „hundert“. Das Pseudonym „Friedensreich“ stammt von seinem richtigen Vornamen Friedrich ab. „Fried“ steht für Frieden, „rich“ kommt von reich. Sein vollständiger Künstlername lautete übrigens Friedensreich Hundertwasser Regentag Dunkelbunt. Regentag stammt von seinem Schiff namens „Regentag“ ab, welches er 1967 erwarb und sieben Jahre lang umbaute. Es war sein erstes realisiertes Architekturprojekt und somit ein bedeutender Lebensabschnitt. Jahrelang lebte und arbeitete er auf diesem Schiff, war sein Zuhause, der Fels in der Brandung. Außerdem liebte er es, wie die bungen Farben bei Regen leuchten. Dunkelbunt war für ihn die äußerste Konzentration von satter Farbe und setzte ihr metallische oder phosphoreszierende Farben als Kontrast gegenüber.

Doch zurück nach Plochingen. Diese Anlage wollte ich mir nun etwas genauer anschauen. Zusammen mit meinem Schwesterlein machte ich mich letzten Samstag ins 30 km entfernte Plochingen auf. Das dortige Tourismusbüro bot eine geführte Tour zu der Anlage an. Infos zu den Terminen bitte über die Website der Stadt Plochingen in Erfahrung bringen.

Zunächst wollte die Gästeführerin ihrer Besucherschar noch den Bereich um die Marktstraße etwas näher erläutern. Wir erfuhren Wissenswertes über die Ottilienkapelle, die Stadtbibliothek, dem Rathaus, dem Marktbrunnen und weiteren Skulpturen von Karl Ulrich Nuss (siehe auch Witzige Gestalten), der Gaststätte Grüner Baum und seinem Glockenspiel und noch weiteren Gebäuden entlang des alten Stadtkerns.

1998 befand sich die Landesgartenschau in Plochingen, zu diesem Anlass installierte man auch diese Wegweiser-Damen. Insgesamt 7 solcher Skulpturen wurden an wichtigen Schnittstellen der Stadt installiert. Der Künstler Wolfgang Thiel hat inzwischen eine weitere Dame mit kleinem Kopf und breiten Schultern erschaffen, alle in einer anderen Farbe.

Ein weiteres Schmankerl in der Innenstadt ist, ja – ich schreibe nun schon wieder davon – das öffentliche Toilettenhäuschen. Sehr auffallend, kurios, witzig, toll, super, denkwürdig, abstoßend, hässlich – viele Meinungen grasieren über das Werk des elsässischen Künstlers und Karikaturisten Tomi Ungerer. In Sichtweite zum Hundertwasserbau, hinter der Kirche, direkt an der vielbefahrenden Straße und somit in aller Augen. Einige Anläufe bedarf es, bis es so aussah wie heute. Man beachte das rosafarbene Kuppeldach, wie die Haut am Allerwertesten, die vielen Klobrillen zur Deko.. vieles könnte noch darüber erzählt werden. Der „Eintritt“ ist übrigens frei, und ja – auch innerhalb der Keramikabteilung ist alles schön rosa – auch bei den Männern!

Doch dann kamen wir endlich zur fabenfrohen Hundertwasser-Welt. Bereits seitlich am Treppenaufgang plätschert dieses kleine Rinnsal entlang und stimmt den Besucher noch neugieriger. Oben angelangt, erblickten meine Augen diese tolle Idee einer Kinderzahnarztpraxis – ein Schnullerbaum! Dutzende Trostspender in allen erdenklichen Farben und Modellen hingen an den Zweigen und Erinnerungen wurden wach, als Sohnemann seine sieben Nuckel während der Krabbelgruppenzeit dem Nikolaus übergab, damit er diese an kleine Babys weiterleitet.

Am Zugang zum Innenhof erhielten wir dann ausführliche Informationen zu der Anlage, die ich hier nur stichpunktartig wiedergebe: Bauzeit war von November 1991 bis September 1994. Das Areal besitzt eine Fläche von 1,5 ha, 64 Eigentumswohnungen unterschiedlicher Größe von ein bis fünf Zimmer sind vorhanden, zusätzlich 16 gewerblich genutzte Einheiten. Der Turm ist 33m hoch, die 4 goldenen Kugeln besitzen einen Styroporkern, dieser wurde verstärkt und mit Blattgold belegt. Durchmesser jeder Kugel ist 1,60m. Türme waren für Hundertwasser eine Brücke zwischen Menschen und Höherem, ein Fingerzeig zum Himmel. Unterhalb des Innenhofs befindet sich auf 2.300qm ein Lebensmittelmarkt, außerdem noch zwei Tiefgaragenebenen mit 300 Parkplätzen. Die Fenster sind alle verschieden groß und unterschiedlich angeordnet, es befinden sich Rollläden vor den Fenstern, denn in einer schwäbischen Kleinstadt könnte man keine Eigentumswohnung ohne Rollladen veräußern :)). Die Dachziegel haben für jedes einzelne Haus unterschiedliche Farben, leider sind diese inzwischen sehr verblasst oder die Sonne schien einfach zu nachgiebig an diesem Samstag. Denn getreu dem Künstler beginnen an einem Regentag die Farben zu leuchten. Und farbig ist hier vieles. Jedes Fenster, jeder Rollladen, die Mosaike – alles verschieden bunt. Die rot-blauen Keramikbänder symbolisieren herabrinnende Regentropfen, denn Wasser ist eine wichtige Grundlage für Leben. Es gibt keine geraden Ecken oder Kanten, die Mauern alle schief und krumm. Die Hoffläche wie ein natürlicher Garten gestaltet, unebener Boden, jedoch auch Begegnunsstätte für die Bewohner. Bäume und Sträucher besiedeln das Haus und sprießen von Balkonen und Erkern, somit nennt man diese „Baummieter“. Grüne Farben findet man nicht, das Grün bleibt hier nur der Natur überlassen. Und so könnte man hier unendlich aufzählen, warum und wieso dies und jenes so ist. Zur Wiederholung, Hundertwasser war nur für die Gestaltung der Fassade zum Innenhof, des Turms und des Gartens zuständig. Wenn man sich das Eingangsbild anschaut, dann erscheint die Außenfassade mit dem REWE-Logo auch völlig unspektakulär. Hier auf diesem Foto sieht man den Kontrast sehr deutlich.

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Und nun endlich die restlichen Fotos:

Wie ihr seht, hielten wir uns die ganze Zeit nur vor dem Absperrzaun auf. Um die Privatspäre der Bewohner zu schützen, kommt man auch bei geführten Touren nicht bis ganz in den Innenhof hinein. Etwas schade finde ich dies, aber mir würde es auch nicht passen, dass gerade am Wochenende Besucherscharen an meiner Terrasse vorbeiziehen.

Zum Abschluss hechteten wir alle nochmals zur Gaststätte Grüner Baum, denn um 15 Uhr spielte das Glockenspiel, dies wollten wir nicht verpassen.

Ein schöner Ausflug, bis bald einmal wieder, Grüße

4 Kommentare zu “Wohnen unterm Regenturm,

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