Der Rotenberg
Im Tal der Fluss. Auf steilen Hügeln.
An seinen Ufern wächst der Wein,
und auf des Abendwindes Flügeln
zieh'n Wolken hell im Sonnenschein.
Des Wandrers Blick emporgehoben,
vom grünen Tal ins Himmelblau,
sieht auf dem Bergesgipfel droben
der runden Kirche lichter Bau.
Hier kam zur Ruh der Strom des Lebens,
hier ist der Toten ernste Gruft,
hier ist das Ziel des Erdenstrebens,
und leicht und rein ist hier die Luft.
Still scheint hier die Natur zu lauschen
auf ihres eignen Herzens Schlag,
und Wind und Fluss und Bäume rauschen
ein Lied vom ewigen Feiertag.
Fjodor Iwanowitsch Tjutschew, ~1835 übersetzt von Ludolf Müller
Den Geburtstag meines Schwesterleins nahmen wir zum Anlass, mitten in der Woche einen kleinen Ausflug in den Stuttgarter Stadtteil Rotenberg zu machen. Unser ersehntes Ziel war das Denkmal der ewigen Liebe – die Grabkapelle auf dem Württemberg oder Rotenberg, wie der Hügel früher genannt wurde. Phantastisches Wetter begleitete uns, herrlichstes Frühlingsklima!
König Wilhelm I. (1781-1864) ließ für seine allzu jung verstorbene Gemahlin Königin Katharina (1788-1819), russische Großfürstin und Tochter des Zaren Paul, ein monumentales Mausoleum in klassizistischer Bauweise erstellen. Dafür musste die alte baufällige Stammburg der Württemberger auf dem „Wirtemberg“ aus dem 11. Jahrhundert weichen und der König ließ den Entwurf für die Grabkapelle von seinem, aus Florenz stammenden, Hofbaumeisters Giovanni Salucci errichten. Der Württemberg war der Lieblingsplatz von Königin Katharina. Kein Wunder – die wunderbare erhabene Aussicht auf die Weinberge und das Neckartal bis hinüber auf den hohen Bopser wo heute der Fernsehturm Schwäbisches Weltwunder…, der Fernmeldeturm und ein weiterer Funkturm stehen, lässt alles ganz klein und friedlich erscheinen.
Vom Besucherzentrum aus, dem vorherigen Verwalterhaus und einstigem Wohnhaus des orthodoxen Priesters und seiner Familie, beginnt unsere Besichtigungstour. Königin Katharina behielt ihren orthodoxen Glauben auch nach der Heirat mit dem protestantischen König Wilhelm. Für ein Mitglied des russischen Kaiserhauses war es sonst unmöglich, in ein westliches Herrscherhaus einzuheiraten. So wurde die Grabkapelle als russisch-orthodoxes Gotteshaus geweiht und trägt bis heute den Namen St. Ekatherinenkirche. Der Priester war der Beichtvater der Königin und hatte nach ihrem Tod zusammen mit zwei Sängern die im kleineren Haus dahinter, dem Psalmistenhaus untergebracht waren, durch unentwegte Andachten mit Fürbitten und Gesänge für ihre unsterbliche Seele zu beten. Dies hätte bis zum Tag des Jüngsten Gerichts fortgesetzt werden sollen, denn erst an diesem Tag hätte sich entschieden, ob die verstorbene Seele in den Himmel oder in die ewige Verdammnis kommt. Von 1824 bis 1895 wohnte der Geistliche im Priesterhaus, dann wurde es das Verwalterhaus. Heute befindet sich im Psalmistenhaus das Bistro 1819, benannt nach dem Todesjahr der Königin.
Ein Tastmodell aus Bronze steht für Sehbeeinträchtigte neben dem Priesterhaus mit einem Eindruck der gesamten Anlage.
Der Rundweg um die Grabkapelle ist gesäumt mit prächtigen alten Bäumen, darunter auch Mammutbäume Baumriesen, Teil 1. Schön zu wissen, dass ich deren Herkunft schon kenne. An allen Himmelsrichtungen befinden sich Eingänge zur Kapelle, geöffnet ist jedoch nur der Haupteingang.
Beim Hinaufschreiten der Freitreppe, vorbei an imposanten Feuer- und Opferschalen und den Blick auf die Säulen und das massive Kuppeldach mit dem goldenen Kreuz wird über dem Haupteingang der Psalm aus dem Korintherbrief „Die Liebe höret nimmer auf“ sichtbar, eine Liebeserklärung des Königs an seine verstorbene Frau, welche selbst noch seine dritte Ehe überdauerte, doch dazu später mehr. Die erste Ehe mit Prinzessin Charlotte von Bayern wurde aufgrund Kinderlosigkeit annulliert. Seine zweite Ehe mit Katharina, Catharina Pawlowna, bestand gerade einmal drei Jahre. Sie starb vermutlich an einer Blutvergiftung durch eine Gürtelrose im Gesicht, außerdem war sie mit dem 3. Kind schwanger, die Frage des Geschlechts ließ sich nicht klären. Doch weitere Mutmaßungen über die Todesursache kursieren von Hirnschlag und Lungenentzündung.
Kurz ein paar Worte zu Katharina: Ihre Mutter stammte aus dem Hause Württemberg und wollte das russische Kaiserreich durch Heiratspolitik in die europäischen Dynastien einbinden. Nach dem Tod von Katharinas erstem Ehemann wurde sie 1816 mit ihrem Cousin Kronprinz Wilhelm von Württemberg vermählt. Katharina war eine bemerkenswerte Frau, sehr gebildet, sprachgewandt, politisch interessiert, sehr sozial engagiert und sehr vermögend! Neun Monate nach der Hochzeit kam Tochter Marie zur Welt, am gleichen Tag starb König Friedrich, der Vater von Wilhelm. Somit übernahmen Katharina und Wilhelm die Regentschaft. Katharina brachte wichtige Institutionen auf den Weg: Das Katharinenhospital, Katharinenstift, die höhere Mädchenschule, die Spar-Casse, die erste gemeinnützige Bank Württembergs, die heutige LBBW. Außerdem half sie mit Getreidelieferungen aus Russland und Finanzspritzen ihrem angeheirateten Land durch Hungersnot und bitterster Armut, vor allem 1816 im „Jahr ohne Sonne“
Wer schon einmal das antike Pantheon in Rom besichtigt hat, kann Parallelen zum Grabmal erkennen. Ein überkuppelter und ganz in weiß gehaltener Innenraum mit Säulen und Statuen der vier Evangelisten und einem kunstvoll geschmiedeten Eisengitter im Boden. Gegenüber dem Haupteingang die mit Gold verzierte hölzerne Ikonostase, sie trennt den Kapellenraum vom Altarraum, dem allerheiligsten Bereich, der nur den Geistlichen vorbehalten ist. Ansonsten ist alles sehr schlicht gehalten, keine Orgel, keine Bänke – sowie es orthodoxe Kirchen vorschreiben. Bis heute wird die Kapelle von der russisch-orthodoxen Gemeinde in Stuttgart genutzt.

25 Holztreppen geht es nun hinab in die Gruft. Ursprünglich durften nur Mitglieder der Königsfamilie und Priester diese betreten. Die Treppe lag hinter der Altarwand verborgen. Erst seit 1907 ist auch der Öffentlichkeit der Besuch erlaubt und nachträglich wurde dazu die Wendeltreppe eingebaut.
Wenn man nun in die Mitte der Gruft steht und hinauf auf das durchbrochene Eisengitter leise Worte spricht, hallt es mit einem mehrfachen Echo zurück. Eine unvorstellbare Akustik muss bei Gesängen und gesprochenen Gebeten herrschen.
Gegenüber des Treppenabgangs steht in einer Nische der Doppelsarkophag von Königin Katharina und König Wilhelm. Ihre sterblichen Überreste liegen in schlichten Holzsärgen im Inneren des Sarkophags. Am 5. Juni 1824 wurde der Sarg Katharinas von der Stuttgarter Stiftskirche in die Gruft gebracht und nach orthodoxen Regeln beigesetzt. Wilhelm hatte testamentarisch verfügt, dass er neben Katharina bestattet werden sollte. Im Alter von 83 Jahren verstarb er 1864. Seine Cousine und dritte Ehefrau Pauline, mit der er 44 Jahre verheiratet war, erfuhr von seinem Wunsch erst durch dessen Testament.
In einer weiteren Nische befindet sich der Sarkophag der älteren Tochter Marie (1816-1887). Die jüngere Tochter Sophie (1818-1877) heiratete den König der Niederlande und wurde in Delft bestattet.
In den beiden anderen Nischen stehen Büsten des Königspaares und drei Büsten von drei sehr unterschiedlichen Herrschern Württembergs.
Links Friedrich I. von Württemberg (1754-1816) – der Vater von Wilhelm I..
Mitte Wilhelm II. von Württemberg (1848-1921) – Urenkel von Friedrich I. und der letzte König Württembergs. Nach dem 1. Weltkrieg wurde die Monarchie abgeschafft.
Rechts Karl I. (1823-1891) – Sohn von Wilhelm I. und dessen 3. Ehefrau Pauline.


Wieder treppauf im Sonnenlicht und in der Wärme genossen wir abermals den phantastischen Rundumblick, kleines Selfie auf dem Kuss-Bänkchen, bevor wir dann zum kleinen Mittagsimbiss runter ins Bistro marschierten.
Am Monument der ewigen Liebe können sich Paare übrigens auch das Jawort geben. Eine beeindruckende Kulisse für so ein großes Wort! Einzelheiten dazu, den saisonalen Öffnungszeiten, besonderen Veranstaltungen, Barrierefreiheit, Parken und dergleichen bitte der Website http://www.schloesser-und-gaerten.de entnehmen. Dort finden sich auch Infos über die kostenlose APP „Monument BW“ wodurch man ebenso alle Informationen auf einen Blick, Multimediatouren oder Zeitreisen durch die Monumente bekommt. Kopfhörer nicht vergessen!
Tipp: Wenn das Besucherzentrum mit Kasse bei der Ankunft geöffnet hat, dann gleich die Chance ergreifen und dort alles anschauen und eventuell im Shop einkaufen oder Prospekte mitnehmen, denn es kann auch sein, dass das Zentrum bei Beendigung der Tour geschlossen ist und man Pech hat wenn man sich noch etwas umschauen wollte. Eintritt kann dann auch direkt in der Kapelle bezahlt werden.
Das war es dann, ein wunderschöner Ausflug an einem wunderschönen Tag. Happy Birthday!




























