Eher durch Zufall sah ich auf der B10 Richtung Geislingen auf Höhe der Ortschaft Kuchen das Hinweisschild „Historische Arbeitersiedlung“. Diese rätselhafte Aussage ließ mir keine Ruhe, daher recherchierte ich und war sofort vom Thema gefangen. Mit Freundin Christiane unternahm ich somit einen kleinen Ausflug in die über 5.700 Einwohner zählende Gemeinde am Rande der Schwäbischen Alb.

Aus den zahlreichen aufgestellten Informationstafeln im öffentlichen Park der SBI (Süddeutsche Baumwoll-Industrie AG Kuchen) kann ich folgende Informationen entnehmen. Es folgt nun ziemlich viel Text, jedoch äußerst interessant: 1852 nutzte der Schweizer Johann Heinrich Staub die Wasserkraft der Fils und errichtete in Geislingen-Altenstadt eine Baumwollspinnerei. Sein Sohn Arnold Staub (*1821) baute 1857 die „Mechanische Baumwoll-Weberei Staub & Cie.“ in Kuchen, für deren Energieversorgung Wasser der Fils über einen Kanal zugeführt wurde. Mit Schweizer Finanzhilfe entstand hier mit 460 Webstühlen der größte Websaal Europas, drei Jahre später eine Baumwollspinnerei mit 25.340 Spindeln. Für die ländliche Gemeinde Kuchen brach damit das Industriezeitalter quasi über Nacht an.

Arnold Staub heiratete 1854 Henriette Bühler, die Tochter eines Winterthurers Spinnereifabrikanten. 1856 erblickte Sohn Heinrich das Licht der Welt. 1857 wurde Tochter Henriette geboren, seine Frau starb im Kindbettfieber. 1859 heiratete er seine zweite Ehefrau, Emma Bourry, Tochter eines Baumwollhändlers aus St. Gallen.
Als das Potenzial an Wasserkraft am Fabrikstandort selbst nicht mehr ausreichte, errichtete Arnold Staub am Gingener Filswehr eine weitere Turbine, deren Energie er mit einer Drahtseilübertragung über eine Strecke von 467m bis zu den Webstühlen der Weberei brachte.

Da sich Fachkräfte in der ländlichen Umgebung kaum mehr finden ließen, erbaute Staub zwischen 1857 und 1869 eine Arbeitersiedlung, um zuverlässige Arbeiter anzuziehen und zu halten. Sie lag in unmittelbarer Nähe zur Textilfabrik und bot durch seine 45 Wohneinheiten Platz für bis zu 250 Personen. Sie grenzte im Norden an das Fabrikgebäude mit anliegendem Bad-/Waschhaus, im Westen an die ehemalige Fabrikstraße (heute Weberallee). Im Zentrum der Siedlung befand sich der sogenannte „Square“, ein Dorf- und Festplatz, der als Park ausgestattet wurde.

Das gegenüberliegende Bad-/Waschhaus stand der Allgemeinheit zur Verfügung und besaß neben dem großen Warmwasser-Schwimmbecken ein Dampfbad, mehrere Fußbäder, geschlechtergetrennte Waschplätze sowie Waschanlagen für Schmutzwäsche. Heute befindet sich in dem Gebäude ein Kindergarten.
Staub legte besonderen Wert auf die körperliche Hygiene der Arbeiter. Durch das Bad-/Waschhaus verfolgte er vorrangig den Zweck, die Hygienestandards zu heben, Krankheiten vorzubeugen und so die Gesundheit der Arbeiter zu erhalten. Auch die offene und besonnte Bauweise der freistehenden Häuser leistete einen Beitrag zum gesunden Wohlbefinden der Bewohner. Für damalige Verhältnisse stattete er die Siedlung mit vorbildlichen und fortschrifftlichen Einrichtungen aus. Beispielsweise Speise- und Festsäle, wasserdampfbetriebene Aufwärmapparate die zur Erwärmung des mitgebrachten Essens dienten, eine Schule, Bibliothek, Lesezimmer, Versammlungszimmer, Kaufladen, Apotheke und auch ein Spital. Auf der Weltausstellung 1867 in Paris, erhielt Arnold Staub für seine Siedlung den Großen Preis mit Goldmedaille. Von Kaiser Napoleon III. wurde er zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. Als Präsident der Stuttgarter Industrie- und Handelsbörse genoss er hohes Ansehen.






Staub investierte unaufhörlich in den Betrieb und verschuldete sich hoch. Durch einen Brand in der Spinnerei im Jahr 1876 kam er in finanzielle Bedrängnis und wurde schließlich 1881 von seinen Geldgebern aus dem Unternehmen gedrängt, das in jener Zeit der bedeutendste Betrieb dieser Art in Württemberg war. Nachdem ihm auch die Weiterführung der Spinnerei seines Bruders Emil in Geislingen-Altenstadt misslang und 1882 auch seine zweite Ehefrau stirbt, beging Arnold Staub im selben Jahr aus Verzweiflung schließlich Selbstmord.
1882 entstand aus dem Zusammenschluss der Staubschen Spinnerei und Weberei mit der Firma Emil Waibel & Co. die „Süddeutsche Baumwoll-Industrie AG Kuchen (SBI). Ihrer Blütezeit betrieb die SBI, unter ihrem von Emil Waibel geführten Vorstand, Spinnereien in Kuchen, Geislingen-Altenstadt und Waltenhofen sowie Webereien in Kuchen und Günzburg. Nach schwierigen Kriegsjahren profitierte das zwischenzeitlich in „esbi“ umbenannte Unternehmen vom Wirtschaftswunder der 1950er-Jahre. Die esbi beschäftigte mittlerweile über 2000 Arbeiter.
Mit der Krise der deutschen Textilindustrie wurde die Adam Matheis OHG aus Eislingen 1972 Hauptanteilseigner. Die esbi beschäftigte noch etwa 1250 Mitarbeiter. 1979 stellte die esbi die Produktion des Betriebs in Kuchen ein und verkaufte die heute denkmalgeschützte Arbeitersiedlung an die Gemeinde. Die Siedlung wurde umgebaut und besteht heute aus 27 Wohneinheiten. Von den einstigen Fabrikgebäuden sind nur noch Teile erhalten. Die ehemalige, noch vorhandene Direktorenvilla Staubs befindet sich in Privatbesitz.
Der heute öffentlich zugängliche Park war früher den Direktoren des Betriebs vorbehalten. Die halbrunde Anlage um das letzte verbliebene Parkgebäude war ursprünglich der Blumen- und Gemüsegarten der Frau von Arnold Staub. Der Park und das Gebäude wurden 2014/2015 von der Gemeinde Kuchen in Anlehnung an das historische Vorbild neu gestaltet und saniert.
Das Gebäude diente lange Zeit als Gerätehaus für die Parkpflege. Die ursprüngliche Nutzung des in den 1880er-Jahren erbauten Gebäudes ist nicht zweifelsfrei geklärt, wobei Bauweise und Formensprache eine höherwertigere Nutzung nahelegen.
Im Gebäude der alten Spinnerei von Arnold Staub befindet sich heute das Pflegeheim Seniorenresidenz am SBI Park.

Das angegliederte öffentliche Café und auch das Restaurant Heimatliebe direkt in der ehemaligen Arbeitersiedlung hatten zu unserem Besuch leider geschlossen. Das Café liegt sehr schön gelegen mit Blick auf die Fils und den beginnenden Park. Auch vom Park liest man direkt in der Arbeitersiedlung nichts, einfach neugierig um das große Gebäude der Senioren Residenz schlendern oder mit wachsamem Auge an den kostenlosen Parkplätzen den Wegweisern folgen.
Übrigens kann über das Rathaus Kuchen auch eine geführte Tour für die Arbeitersiedlung angemeldet werden. Dies würde sich bestimmt lohnen um die einen oder anderen kleinen oder großen Geschichten der guten alten Zeit zu hören. Ebenso kann im Bürgerbüro das Buch „Der glorreiche Lebenslauf unserer Fabrik“ erworben werden. Doch auch ein einfacher Besichtigungsbesuch, unter Berücksichtigung der Privatsphäre der momentanen Bewohner, ist auf jeden Fall lohnenswert.
Grüße, Karin
Wo du überall rumkommst , klasse 😊
Ich staune selbst, was man durch Zufall entdecken kann
Glaub ich dir 😊