03.07.2024 Heilsame Ausstellung gegen die Zeitkrankheit

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Schon im März kündigte die Presse für den Kunstverein KISS im Schloss Untergröningen die Ausstellung „Chronomania“ an. Da wir das Anwesen aus unserem Besuch im Jahr 2018 bereits kannten Ostern im Schloss… und ich mir anhand des ausführlichen Zeitungsartikels schon allerhand versprach, machten wir uns ZWEI am vergangenen Sonntag ganz spontan auf den Weg zum Renaissence-Schloss.

Weithin sichtbar liegt das Schloss auf einem Bergsporn der Frickenhofer Höhe.

Stufe um Stufe geht es aufwärts zu den Ausstellungsräumen. Bequeme Stufen, da sie recht niedrig sind und auch der weniger Trainierte nicht aus der Puste kommt. Zumal man Stufe für Stufe mit Musik geleitet wird, der „Komposition für ein Treppenhaus“, und damit mein ich nun nicht das Knarzen und Ächzen der schönen ausgetretenen Holztreppe, sondern „Musik von der Kindheit bis ins Alter“ vom Aalener Komponisten Edgar Mann.

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Im 1. OG wurden wir magisch durch mannigfaltiges Uhrenticken in einen abgedunkelten Raum gezogen. „Alle Sekunden deines Lebens“ – so nennt sich diese Installation. Wenn mich im Alltag sonst auch nur das Ticken einer Wanduhr immens stört, in diesem schlauchartigen Raum mit einer Vielzahl von Uhren hätte ich mich ewig aufhalten wollen. Fasziniert, gefangengenommen und für mich überaus beruhigend empfand ich diesen Augen- und Ohrenschmaus. Ich fühlte mich komischerweise gar nicht gehetzt oder getrieben.

Zuckende Sekundenzeiger, marschierende Minutenzeiger, bedrängende Armbanduhren. Der Weg geht vorbei an Tick und Tack und durch die tickende Zeit mittendurch, vom Anfang zum Ende. Das Ticken ist überall, gleichzeitig, hunderttausendfach, in verschiedenen Geschwindigkeiten, verschiedenen Höhen und Intensitäten. Es kommt von oben, von unten, von hier, von dort. Nach zehn Minuten in der Installation sind genauso viele Ticks und Tacks an das Ohr des Besuchers gedrungen, wie statistisch in einem ganzen Leben. Die Wahrnehmung von 80 Jahren komprimiert auf zehn Minuten – So der Begleittext der Künstlerin Heidi Hahn aus Aalen.

Zeit, immer wieder Zeit. In Bildern, in Objekten. Die Zeit, eine Konstruktion des Menschen, ein kulturelles Gut. Zeitabläufe auf Bildern, Abzulesen an Uhren, an älteren Modellen…

und an modernen Exemplaren. So wie auch auf vielen ausgestellten Modellen der QLOCKTWO von Biegert & Funk. In Handarbeit in Schwäbisch Gmünd gefertigt, haben diese Kunst- und Gebrauchsgegenstände inzwischen die Welt erobert. Mit verschiedenen Oberflächen, Materialien, Farben und Größen sind die Zeitmesser auch in verschiedenen Sprachen erhältlich. Neuerdings auch als „Moon“, sie zeigt das Vergehen der Zeit nicht durch Stunden oder Minuten, sondern ausschließlich durch die Phasen des Mondes.

Zwischendurch auch einmal Blicke aus den Fenstern auf das sonntägliche ruhige Leben,…

bis diese Video-Kunst meine Aufmerksamkeit für sich beanspruchte. Die Personen verändern ihre Position, so wie die Zeiger einer Uhr sich stetig in Bewegung setzen. Völlig verrückt – ich konnte das gar nicht begreifen, dafür reicht mein technisches Verständnis einfach nicht aus. Bewegende Personen die sich in Szene setzen, um eine Minute in dieser Position zu verharren um sich danach neu zu gruppieren – und dies in Echtzeit! Wie macht MARCK aus Filzbach, Schweiz dies?

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Nostalgische Anmutungen bekam man durch die verschiedensten Exponate zur Darstellung von Zeit und Zeitmaschinen. Mir kam natürlich sofort der Filmklassiker „Zurück in die Zukunft“ in den Sinn und die Frage, was hat es denn mit dem Wunsch der Menschheit auf sich, in eine andere Zeit reisen zu wollen? Abenteuer zu erleben, Risiken zu bewältigen, Phantasien über ferne Welten? Oder entsteht diese Installation als Form von Kunst lediglich aus der eigenen Kreativität, der Fähigkeit des Denkens, der Umsetzung von Gedanken und der Kombination von technischen Vorgängen? Somit eine Form von KI? Ein Ausstellungsstück schöner als das andere. Entweder „nur“ als Fotografie oder Gemälde, oder wahrhaftig als großes knatterndes, blinkendes Räderwerk, an dem sich Dinge bewegen und man gar nicht weiß, wo man als erstes hinschauen soll.

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Ein weiterer Raum dürfte vor allem die Kinder oder Freunde von Dagobert Duck erfreuen. Die Auszeit im „Geldbad oder Time is Money – Money is Time“! Wenn dem Sprichwort folgend – Zeit Geld ist, hat im Umkehrschluss jener also mehr Zeit zur Verfügung, der mehr Geld besitzt? Dies fragt Heidi Hahn aus Aalen.

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Gary Krüger aus Rielasingen rückt Dinge und Ort in den Mittelpunkt, an denen die Zeit stillsteht, seien es verlassene, leerstehende Gebäude im australischen Outback oder verrostete Hafenanlagen am Atlantik – so der Text zu diesen Bildern.

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Erneut wurde unsere Aufmerksamkeit in diesem ehrwürdigen alten Gemäuer auf Scheppern und Quietschen und sonstigen Geräuschen gelenkt. Zum Glück sind immer wieder mal Sitzgelegenheiten vorhanden, damit man solche monströsen Anlagen in Ruhe begutachten kann. „Blowin in the Wind“, heißt diese „Zeitzeugen-Kunstmaschine“ von Willi Reihe aus Wachtberg. Ein hölzernes Rollgerüst bildet den bühnenartigen Rahmen für ein umfangreiches Themenspektrum. Von bodenständig bis in luftige Höhe werden Dinge einander gegenübergestellt, die stellvertretend für unterschiedliche Lebensweisen und Zeiten im Leben stehen. Und die polarisieren. Ganz nebenbei ziehen Hosenklemmbügel scheinbar ziellos ihre Bahnen, Polierscheiben wienern sinnfrei die Luft und Herrenhüte taumeln im Windzug der Gebläseschaufeln einer Windfelge…. – so der Text.

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Direkt nebenan saß mein Gatte gemütlich auf dem alten Sofa und schaute sich auf Bildschirmen verschiedenster Jahrzehnte eine Video-Kunst an. Es war phantastisch! Ganz unten auf dem ältesten Apparat war ein Gesprächsausschnitt eines Mannes zu einem bestimmten Thema zu sehen, aus den anderen Geräten kamen, dem jeweiligen Jahrzehnt entsprechend von Gerät und Person mitsamt ihrem äußeren Erscheinen, die Zwischenkommentare oder Antworten auf die Äußerungen der anderen Menschen. Es entstand somit eine lebendige Diskussion passend zu einem einzigen. Blickrichtungen stimmten, die Szenen waren perfekt geschnitten. Super!

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Zum Thema des Mannes aus dem ältesten Fernsehgerät, passen diese Möbel exakt. Frei interpretiert würde ich das Thema als folgendes benennen: „Die Rolle der Frau in ihrem Leben:“ 😦

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Als „Ruheinseln im Weltengetriebe“ werden diese realistischen Gemälde des Malers Rolf Ohst von Meer und Wellen betitelt. So gewaltig die Wassermassen auch aussehen, so wild die Gischt auch zischt – empfinde ich doch etwas Ruhiges und Reinigendes. So schön gemalt, so detailliert die einzelnen Wassertropfen, dass man beim Betrachten der vielen kleinen Punkte trotz der Gewaltigkeit ganz ruhig wird. Ich zumindest.

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Nun ein Projekt, bei dem man sich zunächst fragt, was dieses mit dem Thema zu tun hat. Eine Mauer aus Schlafsäcken. Wird hier ein Deich geschützt, verläuft hier ein Schützengraben? Schlafsäcke einer Reisegruppe oder von Flüchtlingen? Die Schlafsäcke sind mit Zeitungen gefüllt, vollgestopft mit all jenem, was tagtäglich die Schlagzeilen, das politische und wirtschaftliche Geschehen beherrscht. Tag für Tag, Jahr um Jahr. Was täglich für uns das Wichtigste ist, wird im komprimierten Zustand nur Ballast, Materie, nach dem Motto: Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern. Titel „1001 Nacht“ von Thomas Judisch, Dresden.

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Tja, der Zahn der Zeit. Wenn man als kleiner Knirps schon wüsste, wie man im Alter aussieht. Leider habe ich über Titel und Künstler keine Notiz.

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Und das war es dann auch für uns. Die Uhr zeigt fünf vor 12! Höchste Eisenbahn! Für was? Müssen wir wohin? Haben wir etwas vergessen? Die Zeit rann uns nur so aus den Händen. Dürfen wir noch bleiben, genießen, ruhen? Oder leiden wir gar schon unter Chronomanie, bei der die Betroffenen meinen, nie Zeit zu haben, nie etwas zu Ende zu bringen….

Noch viele weitere Exponate sind zu bestaunen. Macht euch auf nach Untergröningen ins Schloss, ich war wirklich begeistert. Meistens zumindest. Klar sind immer mal Dinge dabei, die nicht mit einem „sprechen“, aber das ist ja klar, Geschmäcker sind verschieden, der Zeitgeschmack sowieso. Und bringt Zeit mit….

Danke an KISS für die Auszeit, Grüßle Karin & Gatte

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