25.08.2024 Aussichtsturm Luftikus in Rechberghausen

Wieder einmal gilt dem Routenplaner mein Dank! Beim Zoomen in der App entdeckte ich in Richtung Göppingen durch puren Zufall den Hinweis „Aussichtsturm Luftikus“. Sofort war mein Interesse geweckt. Luftikus? Meinem Wissen nach ist dies ein leichtsinniger, unzuverlässiger Mensch, ein Hallodri der mehr Luft als Verstand im Kopf hat. Handelt es sich somit um einen luftigen Turm??? Unverzüglich auf den Hinweis gedrückt, die schönen Fotos gesehen und der nächste Kurzausflug war gesichert.

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Vorletzten Sonntag führte mich daher mein Weg bei heißen Temperaturen über 30°C ins 13km entfernte Rechberghausen. Die attraktive Gemeinde im östlichen Schurwald wird stets auf dem Weg nach Göppingen durchfahren und immer wieder denke ich mir, wie nett es hier aussieht, die vielfältigen Einkaufsmöglichkeiten und schön gestalteten Plätze, auch rund um den Marbach, sollte man sich mal genauer anschauen. An diesem Sonntag jedoch herrschte im Ortskern so ein reger Trubel und emsiges Hin- und Herfahren. Ganze Heerscharen versuchten unbeschadet über die Zebrastreifen, bis zur nächsten Eisdiele oder einem schattigen Plätzchen, zu kommen. Parkplätze waren fast gar nicht zu bekommen, jedoch war ein löblicher Shuttleservice zu Stellflächen fernab im Industriegebiet eingerichtet. Der Grund für das geschäftige Treiben: der jährlich stattfindende Gartenmarkt wurde veranstaltet. Ausgerechnet an diesem Sonntag an dem ich mich zu einem kleinen Ausflug entschied. Bei dieser Hitze hatte ich keine Lust auf großes Umherschlendern, kaufen wollte ich sowieso nichts, sparte mir den Eintritt zum Markt und machte mich auf den Fußmarsch Richtung Aussichtsturm.

Vom großen Kreisverkehr in der Ortsmitte ging es „Im Töbele“ am Spielplatz vorbei. Das Haus der Musik und das Lilyum Café und ebenso das Kinderhaus im Töbele ließ ich hinter mir, weiter den Berg hinauf am Lehrbienenstand des Bezirksimkervereins Göppingen e.V. vorbei bis zur Abzweigung. Dort links sah ich dann dieses Hinweisschild mit der Info, dass ich mich auf dem Wanderweg Hungerboller Runde befinde.

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Dort kam mir dann auch endlich einmal jemand entgegen, auch sah ich dann schon in der Ferne den Turm stehen. Tapfer lief ich unter sengender Sonne schwitzend weiter, bis ich dann oben auf dem Berg im Schatten vor dem Turm im lauen Lüftchen erst einmal durchschnaufen konnte, wie der Schwabe sich so schön auszudrücken pflegt.

Seit der Gartenschau 2009 bietet der Landschaftspark Grüne Mitte viele schöne Plätze für die Erholung und Entspannung. Überragt wird dies vom damals errichteten 12 Meter hohen Aussichtsturm auf dem Hungerboll, der einen überwältigenden 360°-Rundblick ermöglicht.

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Bitte beachtet oder informiert euch über die aktuellen Öffnungszeiten, nicht dass ihr enttäuscht vor verschlossener Türe steht. Der Eintritt ist frei, jedoch denkt bitte an das Spendenkässchen für den Erhalt und die Pflege des Turmes. Ehrenamtliche kümmern sich darum, dass alles so schön in Schuss bleibt.

Ganz allein konnte ich die Metallstufen der Spindeltreppe hinaufgehen, diese an den Seiten schön abgesichert durch die Gitterstäbe, ich hatte somit zu keinem Zeitpunkt Höhenängste zu bewältigen. Dank der durchlässigen Holzverkleidung war es auch angenehm luftig, wobei wir somit wohl bei der Begriffserklärung für die Namensnennung des Turms wären. Oben angekommen, erwartete mich wirklich ein unglaubliches Rundum-Panorama bei wolkenlosem Himmel.

Der Blick ging verständlicherweise über Rechberghausen, dann weiter Wangen, Börtlingen, Birenbach, Oberhausen, Hohenstaufen, Stuifen, Hörnle, Stötten, Hohenstein, Tegelberg, Spitzenberg, Tennenberg, Burren, Fränkel, Wasserberg, Sielenwang, Klinik am Eichert, Kornberg, Boßler, Aichelberg, Limburg, Breitenstein, Teck, Hohenneuffen, Schloss Filseck und weitere Orte.

Nach dem Abstieg überlegte ich noch kurz ob ich weiter den Rundwanderweg gehen sollte, aufgrund des Gartenmarktes wusste ich jedoch nicht, wie weit der Umweg sein müsste und wegen der Hitze entschloss ich mich zum direkten Rückweg zum Auto.

Ein wahrhaft luftiger Ausflug mit sonniger Begleitung, Gruß Karin

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13.08.2024 Historische Arbeitersiedlung Kuchen

Eher durch Zufall sah ich auf der B10 Richtung Geislingen auf Höhe der Ortschaft Kuchen das Hinweisschild „Historische Arbeitersiedlung“. Diese rätselhafte Aussage ließ mir keine Ruhe, daher recherchierte ich und war sofort vom Thema gefangen. Mit Freundin Christiane unternahm ich somit einen kleinen Ausflug in die über 5.700 Einwohner zählende Gemeinde am Rande der Schwäbischen Alb.

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Aus den zahlreichen aufgestellten Informationstafeln im öffentlichen Park der SBI (Süddeutsche Baumwoll-Industrie AG Kuchen) kann ich folgende Informationen entnehmen. Es folgt nun ziemlich viel Text, jedoch äußerst interessant: 1852 nutzte der Schweizer Johann Heinrich Staub die Wasserkraft der Fils und errichtete in Geislingen-Altenstadt eine Baumwollspinnerei. Sein Sohn Arnold Staub (*1821) baute 1857 die „Mechanische Baumwoll-Weberei Staub & Cie.“ in Kuchen, für deren Energieversorgung Wasser der Fils über einen Kanal zugeführt wurde. Mit Schweizer Finanzhilfe entstand hier mit 460 Webstühlen der größte Websaal Europas, drei Jahre später eine Baumwollspinnerei mit 25.340 Spindeln. Für die ländliche Gemeinde Kuchen brach damit das Industriezeitalter quasi über Nacht an.

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Arnold Staub heiratete 1854 Henriette Bühler, die Tochter eines Winterthurers Spinnereifabrikanten. 1856 erblickte Sohn Heinrich das Licht der Welt. 1857 wurde Tochter Henriette geboren, seine Frau starb im Kindbettfieber. 1859 heiratete er seine zweite Ehefrau, Emma Bourry, Tochter eines Baumwollhändlers aus St. Gallen.

Als das Potenzial an Wasserkraft am Fabrikstandort selbst nicht mehr ausreichte, errichtete Arnold Staub am Gingener Filswehr eine weitere Turbine, deren Energie er mit einer Drahtseilübertragung über eine Strecke von 467m bis zu den Webstühlen der Weberei brachte.

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Da sich Fachkräfte in der ländlichen Umgebung kaum mehr finden ließen, erbaute Staub zwischen 1857 und 1869 eine Arbeitersiedlung, um zuverlässige Arbeiter anzuziehen und zu halten. Sie lag in unmittelbarer Nähe zur Textilfabrik und bot durch seine 45 Wohneinheiten Platz für bis zu 250 Personen. Sie grenzte im Norden an das Fabrikgebäude mit anliegendem Bad-/Waschhaus, im Westen an die ehemalige Fabrikstraße (heute Weberallee). Im Zentrum der Siedlung befand sich der sogenannte „Square“, ein Dorf- und Festplatz, der als Park ausgestattet wurde.

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Das gegenüberliegende Bad-/Waschhaus stand der Allgemeinheit zur Verfügung und besaß neben dem großen Warmwasser-Schwimmbecken ein Dampfbad, mehrere Fußbäder, geschlechtergetrennte Waschplätze sowie Waschanlagen für Schmutzwäsche. Heute befindet sich in dem Gebäude ein Kindergarten.

Staub legte besonderen Wert auf die körperliche Hygiene der Arbeiter. Durch das Bad-/Waschhaus verfolgte er vorrangig den Zweck, die Hygienestandards zu heben, Krankheiten vorzubeugen und so die Gesundheit der Arbeiter zu erhalten. Auch die offene und besonnte Bauweise der freistehenden Häuser leistete einen Beitrag zum gesunden Wohlbefinden der Bewohner. Für damalige Verhältnisse stattete er die Siedlung mit vorbildlichen und fortschrifftlichen Einrichtungen aus. Beispielsweise Speise- und Festsäle, wasserdampfbetriebene Aufwärmapparate die zur Erwärmung des mitgebrachten Essens dienten, eine Schule, Bibliothek, Lesezimmer, Versammlungszimmer, Kaufladen, Apotheke und auch ein Spital. Auf der Weltausstellung 1867 in Paris, erhielt Arnold Staub für seine Siedlung den Großen Preis mit Goldmedaille. Von Kaiser Napoleon III. wurde er zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. Als Präsident der Stuttgarter Industrie- und Handelsbörse genoss er hohes Ansehen.

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Staub investierte unaufhörlich in den Betrieb und verschuldete sich hoch. Durch einen Brand in der Spinnerei im Jahr 1876 kam er in finanzielle Bedrängnis und wurde schließlich 1881 von seinen Geldgebern aus dem Unternehmen gedrängt, das in jener Zeit der bedeutendste Betrieb dieser Art in Württemberg war. Nachdem ihm auch die Weiterführung der Spinnerei seines Bruders Emil in Geislingen-Altenstadt misslang und 1882 auch seine zweite Ehefrau stirbt, beging Arnold Staub im selben Jahr aus Verzweiflung schließlich Selbstmord.

1882 entstand aus dem Zusammenschluss der Staubschen Spinnerei und Weberei mit der Firma Emil Waibel & Co. die „Süddeutsche Baumwoll-Industrie AG Kuchen (SBI). Ihrer Blütezeit betrieb die SBI, unter ihrem von Emil Waibel geführten Vorstand, Spinnereien in Kuchen, Geislingen-Altenstadt und Waltenhofen sowie Webereien in Kuchen und Günzburg. Nach schwierigen Kriegsjahren profitierte das zwischenzeitlich in „esbi“ umbenannte Unternehmen vom Wirtschaftswunder der 1950er-Jahre. Die esbi beschäftigte mittlerweile über 2000 Arbeiter.

Mit der Krise der deutschen Textilindustrie wurde die Adam Matheis OHG aus Eislingen 1972 Hauptanteilseigner. Die esbi beschäftigte noch etwa 1250 Mitarbeiter. 1979 stellte die esbi die Produktion des Betriebs in Kuchen ein und verkaufte die heute denkmalgeschützte Arbeitersiedlung an die Gemeinde. Die Siedlung wurde umgebaut und besteht heute aus 27 Wohneinheiten. Von den einstigen Fabrikgebäuden sind nur noch Teile erhalten. Die ehemalige, noch vorhandene Direktorenvilla Staubs befindet sich in Privatbesitz.

Der heute öffentlich zugängliche Park war früher den Direktoren des Betriebs vorbehalten. Die halbrunde Anlage um das letzte verbliebene Parkgebäude war ursprünglich der Blumen- und Gemüsegarten der Frau von Arnold Staub. Der Park und das Gebäude wurden 2014/2015 von der Gemeinde Kuchen in Anlehnung an das historische Vorbild neu gestaltet und saniert.

Das Gebäude diente lange Zeit als Gerätehaus für die Parkpflege. Die ursprüngliche Nutzung des in den 1880er-Jahren erbauten Gebäudes ist nicht zweifelsfrei geklärt, wobei Bauweise und Formensprache eine höherwertigere Nutzung nahelegen.

Im Gebäude der alten Spinnerei von Arnold Staub befindet sich heute das Pflegeheim Seniorenresidenz am SBI Park.

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Das angegliederte öffentliche Café und auch das Restaurant Heimatliebe direkt in der ehemaligen Arbeitersiedlung hatten zu unserem Besuch leider geschlossen. Das Café liegt sehr schön gelegen mit Blick auf die Fils und den beginnenden Park. Auch vom Park liest man direkt in der Arbeitersiedlung nichts, einfach neugierig um das große Gebäude der Senioren Residenz schlendern oder mit wachsamem Auge an den kostenlosen Parkplätzen den Wegweisern folgen.

Übrigens kann über das Rathaus Kuchen auch eine geführte Tour für die Arbeitersiedlung angemeldet werden. Dies würde sich bestimmt lohnen um die einen oder anderen kleinen oder großen Geschichten der guten alten Zeit zu hören. Ebenso kann im Bürgerbüro das Buch „Der glorreiche Lebenslauf unserer Fabrik“ erworben werden. Doch auch ein einfacher Besichtigungsbesuch, unter Berücksichtigung der Privatsphäre der momentanen Bewohner, ist auf jeden Fall lohnenswert.

Grüße, Karin

07.08.2024 Der Hagbergturm bei Gschwend

Sommer ist die Zeit, in der es zu heiß ist, um das zu tun, wozu es im Winter zu kalt war.

Mark Twain 1835-1910

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Auch wenn wir in diesem Sommer immer wieder mit heißen Tagen verwöhnt werden, allerdings jedoch auch genügend Regentage abbekommen, muss die sonntägliche Gelegenheit beim Schopf gepackt werden und somit kamen wir zu diesem kleinen Ausflug. Außerdem ist der Turm nicht ganzjährig geöffnet, sondern nur etwa vom 3. Aprilsonntag bis Ende Oktober jeweils von 10-18 Uhr was wiederrum witterungsabhängig ist. Somit muss der Interessierte einfach los, egal bei welchen Temperaturen. Weitere Infos und Kontaktadressen auf der Website der Gemeinde Gschwend und des Schwäbischen Albvereins.

Doch nun erst einmal der Reihe nach. Um Informationen über diesen schönen Aussichtsturm zu geben, werde ich Passagen aus dem veröffentlichten Text der Gemeinde Gschwend wiedergeben. Im Netz finden sich viele Infos darüber, alle sinngemäß gleich, manches Wort für Wort, da ich nun nicht weiß, wer der Urheber dieser Zeilen ist, erwähne ich hier ausdrücklich, dass ich Teile des Textes der Gemeinde Gschwend darlege.

Das Jugendstilbauwerk wurde 1901 vom Verschönerungsverein als Holzgerüst für Aussichtszwecke auf dem Hagberg im Welzheimer Wald auf 585 m über NN erbaut. Wenig später wurde ein 23 m hoher Turm errichtet, der 1936 in das Eigentum des Schwäbischen Albvereins überging.

Während des 2. Weltkriegs diente er sogar der Luftbeobachtung, danach wurde er wieder für Besucher zugänglich gemacht. Allerdings wurde der Turm die folgenden Jahrzehnte sehr baufällig, wurde für Besucher geschlossen, verfiel immer mehr und man entschloss sich für einen Neubau. Der Turm in seiner heutigen Form steht seit dem Jahr 1980 und kommt dem ursprünglichen Aussehen von 1901 sehr nahe.

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Der Aufstieg hinauf in den Turm wird für Besucher ab 16 Jahren mit 1 € für die Erhaltung des Turmes bezahlt. Auf Holzdielen (dies erwähne ich extra, da ich die Angst verstehen kann, auf Gitterstufen empor zu gehen, durch die man in die Tiefe blicken kann) geht es dann hinauf in die Turmkuppe, wo man mit herrlicher Rundumsicht belohnt wird. Kleine Fenster lassen sich für das bessere Fotografieren öffnen.

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Zu sehen bekommt man die Waldenburger Berge, die Hohenloher Ebene mit der Kochertalbrücke, die Kohlwaldhöhe, die Sendemasten von Langenburg, der Burgberg bei Crailsheim, der Hohenberg, Ellenberg, Hinterbüchelberger Grat, Schloss Baldern mit dem Ipf bei Bopfingen und die Kapfenburg. Weiter wandert der Blick entlang der Schwäbisch Alb mit Rosenstein, Kaltes Feld, Rechberg und Hohenstaufen über Neuffen, Teck und bei ganz klarer Sicht sogar bis zum Hohenzollern. Weiter vom Juxkopf, Stocksberg zu den Löwensteiner Bergen wieder hin zum Waldenburger Sendemast.

Nach dem Abstieg kann man sich mit Erfrischungen, Eis, Kaffee und Kuchen auf den zahlreichen Sitzmöglichkeiten, im Schatten und in der Sonne, rund um den Turm niederlassen. Der Schwäbische Albverein bewirtet die Gäste, außerdem steht kostenlose Toilettennutzung zur Verfügung. Daher finde ich den Euro für die Turmbesteigung mehr als gerecht, über einen weiteren Obolus freut sich wohl jeder Verein, ein Spendenkässchen steht bereit.

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Zum Turm gelangt man durch vielerlei Möglichkeiten. Entweder mit dem Auto bis zum Wanderparkplatz Hagbergturm am Sturmhof, dann sind es nur noch 500 Meter zu Fuß. Oder per Bus und Fußmarsch oder auf den Rad- und Wanderwegen. Dazu die Empfehlungen des Schwäbischen Albvereins lesen.

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So ihr lieben Wandersleut‘, Ausflügler, Urlauber und Sommerfrischler, macht euch auf zum Hagbergturm und schaut euch unsere wunderschöne Heimat ringsherum von oben an. Denn Sommer ist die Zeit um das zu tun, wozu es im Winter zu kalt ist 🙂

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Grüße von uns Beiden

Übrigens hier noch ein Geheimtipp für alle Schottlandurlauber, die dort keine Highland-Rinder zu Gesicht bekamen: Zwischen dem Wanderparkplatz und dem Turm kommt man direkt an der Weide vorbei, auf denen diese wunderschönen robusten Tiere zu sehen sind. Muuuh!